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Eigentlich hätte das zwischenzeitliche Interesse verschiedenster Sportmedien an der Doktorarbeit von Sebastian Schlund, Historiker an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU), Anlaß für kritische Nachfragen auch zur aktuellen Bedeutung und Funktion des Behindertensports in Deutschland geben können. Doch nichts dergleichen geschah. Weder wurden Selektion, Auslese und Zurichtung der Behinderten im "Teilhabe" und "Selbstbestimmung" versprechenden Leistungssportsystem thematisiert noch die Kooperation von Bundeswehr und Deutschem Behindertensportverband (DBS). Seit Ende 2013 haben Soldaten mit Kriegsverletzungen uneingeschränkten Zugang zum Breiten- und Leistungssport wie auch umgekehrt Zivilbehinderte die Medaillenschmieden der Bundeswehr in Anspruch nehmen können. "Insbesondere einsatzgeschädigten Soldaten soll durch die neue Partnerschaft die rehabilitierende Wirkung des Sports nähergebracht werden", berichtete das Bundeswehr-Journal [1]. Während nun anläßlich der Vorstellung der Dissertation mit dem Titel "'Behinderung' überwinden? Organisierter Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland (1950-1990)" viel von "Zweckdienlichkeit" oder "Nutzenorientierung" in der Vergangenheit die Rede ist, muß man kritische Einwendungen bezüglich des aktuellen Behindertenleistungssports, der auf Professionalisierung und Gleichstellung mit dem verschleißträchtigen Spitzensport der Normalbehinderten drängt, in den Medien geradezu mit der Lupe suchen. Über die Instrumentalisierung des Behindertensports für die Werbe- und Rekrutierungsziele der Bundeswehr wird so gut wie kein kritisches Wort mehr verloren, jedenfalls nicht in den Sportmedien. Das läßt einen schlimmen Verdacht aufkommen.

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In seiner von der Körber-Stiftung prämierten Doktorarbeit hat Sebastian Schlund die Geschichte des organisierten Behindertensports in der Bundesrepublik untersucht. Vor dem Hintergrund, daß der Ursprung des Behindertensportes im Krieg liegt, kam er zu dem keineswegs überraschenden Ergebnis, "dass durch die Dominanz kriegsversehrter Männer und die generelle gesellschaftliche Randstellung behinderter Menschen, der Behindertensport lange Zeit in einem isolierten Raum stattfand", wie es in einer Pressemitteilung der Uni Kiel heißt. "Personen, deren körperliche Beeinträchtigung nicht auf eine Kriegsverletzung zurückging - sogenannte Zivilbehinderte - wurden ebenso marginalisiert wie behinderte Frauen", erklärt Schlund. Auch Menschen mit geistiger Beeinträchtigung hätten lange keinen Platz in den Behindertensportvereinen gefunden. "Erst ab Mitte der 1970er Jahre erkannten Sozialwissenschaft und eine wissenschaftlich begleitete Behindertenpolitik die Chancen des Sports als Integrationsmotor", so Schlund. Bis dahin galten die Sportprogramme als zweckdienlich. Sie hatten die körperliche Wiederherstellung und damit die ökonomischen Wiedereingliederung behinderter Menschen zum Ziel. [2]

Und heute? Sind Sportprogramme etwa nicht mehr "zweckdienlich"? Die Entwicklung des Behindertensports ab 1990 war nicht Untersuchungsgegenstand von Sebastian Schlund, der in einem Deutschlandfunk-Interview gleichwohl die "Eventisierung" des Behindertensports etwa im Zuge der Paralympischen Spiele 2012 in London kritisierte. Dort waren die TeilnehmerInnen bekanntlich zu "Superhumans" (Übermenschen) hochstilisiert worden, was, wie Schlund zurückhaltend formulierte, auf behinderte Menschen einen Druck erzeugt, gewissen Leistungsansprüchen auch gerecht werden zu müssen. [3]

Während die leistungssporttauglichen Vorzeigebehinderten in Londons Wettkampfarenen bejubelt wurden, wird bis heute im deutschen Medienmainstream verschwiegen, daß der deutsch-französische IT-Dienstleister Atos, milliardenschwerer Sponsor und IT-Ausstatter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), mit dafür gesorgt hatte, daß zahllosen schwer erkrankten oder behinderten Briten die finanziellen Zuwendungen mit teilweise schlimmsten Konsequenzen für die Betroffenen gekürzt wurden. So hatte "Atos Healthcare" von der liberal-konservativen Regierung den Auftrag erhalten, Hunderttausende von Work Capability Assessments (Arbeitsfähigkeitsbewertung/WCA) durchzuführen, sogenannte Fit-to-work tests, obwohl der bis dahin nachgewiesene Mißbrauch von Sozialtransfers durch Behinderte lediglich 0,5 Prozent betrug. Unter den Anforderungen dieser fehler- und willkürbehafteten Tests brachen nicht nur viele Behinderte zusammen, es kam auch zu Selbsttötungen sowie Sterbefällen infolge der Arbeitsfähigkeitsbewertung. Wie der Guardian berichtete, zeigten durch das "Department for Work and Pensions (DWP)" veröffentlichte Statistiken, daß während des Zeitraums Dezember 2011 und Februar 2014 2.380 Menschen gestorben sind, nachdem eine WCA sie für arbeitsfähig erklärte und ihr Anspruch auf Beschäftigungs- und Unterstützungsbeihilfe (ESA) gestrichen wurde.[4] Ein ursächlicher Zusammenhang ist damit zwar nicht bewiesen, doch das Fehlen eines solchen ebensowenig. Gleichwohl erklärte der frühere englische Premierminister David Cameron bei der Eröffnung der Londoner Spiele in einem Interview mit dem Paralympics-Sender Channel 4: Die Spiele könnten den Menschen beibringen, "was sie tun können, anstatt zu fragen, was sie nicht tun können". Diese "Superhumans" wären in der Lage, persönliche Nachteile aus eigener Kraft zu überwinden, was viele Menschen dazu inspirierte, "all das zu sein, was sie können". [5]

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Die neoliberale Agenda vom eigenverantwortlichen Empowerment scheint einer nicht unerheblichen Zahl von Behindertensportlerinnen und -sportlern inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Immer mehr Eliteathleten fordern, daß man nicht ihre Behinderung in den Vordergrund stellen sollte, sondern ihre Leistungen und Medaillen! In ihrem Bestreben, sich den normalbehinderten SpitzensportlerInnen gleichzumachen, reproduzieren sie nicht nur die Normen und Prinzipien des Leistungsdarwinismus, der ohne Selektion und Ausgrenzung der Schwachen, Verletzten und Unbrauchbaren nicht denkbar ist, sondern auch die massenwirksamen Wohlfühlkulissen, als deren oberster Repräsentant DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher reüssiert. Während Behindertenorganisationen gemeinsam mit olympiakritischen Verbänden und Initiativen vor, während und nach den Spielen in London gegen die barbarische Kürzungspolitik der britischen Regierung Sturm liefen, ging dem ehemaligen SPD-Bundespolitiker wegen der zahlreichen Weltrekorde und des "Quantensprungs in der Leistungssportentwicklung" das Herz über. "Das zeigt, daß - und gestatten Sie mir diesen militärischen Ausdruck - viele Länder in den letzten Jahren förmlich aufgerüstet haben", schwärmte Beucher in einem Interview. Die Länder hätten den Menschen mit Behinderung in ihrer Gesellschaft entdeckt und gäben ihm die Gelegenheit zu zeigen, was er kann. Nicht mehr die Behinderung stehe im Mittelpunkt, sondern seine "sportliche Höchstleistung". [6]

Folgerichtig beklagte sich Beucher, daß die kürzliche Para-Leichtathletik-WM in London (14. bis 23. Juli) so wenig mediale Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen habe. Das sei, auch mit Blick auf die Para-Leichtathletik-WM 2018 in Berlin, eine "krachende Niederlage zulasten des Behindertensports" gewesen. "Wir wollen keinen Behindertenzuschlag, sondern wir wollen Gleichrangigkeit von olympischem und paralympischen Sport auch in den Medien gelebt wissen", so der Präsident des größten Behindertensportverbandes der Welt. [7]

Gleichrangige Medienaufmerksamkeit in einer von marktwirtschaftlichen Profitinteressen dominierten wie tief gespaltenen Medienlandschaft bedeutete dabei keinesfalls eine gleichberechtigte oder selbstbestimmte Teilhabe von Behinderten am gesellschaftlichen Leben, sondern hieße im Idealfall lediglich, daß Behinderte und Normalbehinderte über den gleichen Löffel des Unterschiede, Rangfolgen und Zweckdienlichkeiten aller Art generierenden Leistungssportsystems balbiert werden. Sind am Ende gar die nach differenzierten Schadensklassen miteinander verrechenbar gemachten "Superkrüppel" besser noch als die olympischen "Superstars" geeignet, ungeachtet der gesellschaftlich determinierten Behinderungen ihre Leidens- und Leistungsbereitschaft zu demonstrieren? Ist es für Behinderte wirklich so erstrebenswert, sich an einem Medaillenspiegel messen zu lassen, der bei den Nazispielen 1936 in Berlin erstmals voll zur Geltung kam - in einer Zeit, in der sogenanntes 'arbeitsscheues' und 'unwertes Leben' gnadenlos ausgemerzt wurde?

Noch 1958 orientierte sich das Innenministerium der Bundesrepublik an der Defizittheorie der Behinderung, derzufolge ein solcher Mensch mehr oder minder leistungsgestört (lebensuntüchtig) sei. Die SportlerInnen seien Leidtragende eines zynischen Systems, das Menschen einzig nach verwertbarem Leistungsvermögen und -willen aussortiere, monierte vor zwei Jahren das parteiübergreifende Bündnis "NOlympia Hamburg - Etwas Besseres als Olympia" in einer Stellungnahme. "Da bilden auch die Paralympischen Spiele keine Ausnahme. Sie haben mit Inklusion nicht das Geringste zu tun. Das Prinzip, Menschen in 'Leistungsstarke' und 'Leistungsschwache' einzuteilen und dadurch ungleich zu machen, ist im Sport ebenso falsch wie überall im Leben." [8]

Nach Angaben des Historikers Sebastian Schlund stellte die Zeit zwischen 1969 und 1975 die zentrale Umbruchphase für den deutschen Behindertensport dar: "Behinderung stand lange Zeit für eine körperliche Beeinträchtigung. Nach dem sozialen Modell von Behinderung, das sich ab Mitte der 1970er Jahre zu etablieren begann, ist jedoch die Gesellschaft der behindernde Faktor. Behindert 'ist' man also nicht, behindert 'wird' man durch seine Umwelt. Behinderung ist in dieser Lesart die Einschränkung von Teilhabe und persönlicher Entfaltung durch gesellschaftlich errichtete Barrieren." [2]

Wenn es aber darum geht, die gesellschaftlichen Einschränkungen zu überwinden, warum sollte das nur für "bauliche Barrieren, Vorurteile und Stereotype" gelten, wie sie Schlund beispielhaft im Deutschlandfunk aufzählte, und nicht auch für die Maßgaben, Normen und Werte der Leistungsgesellschaft, die insbesondere im organisierten Spitzensport mit größter Härte und oft nicht minder großen Schadensfolgen zu Lasten der Gesundheit der Aktiven angewandt werden?

Was wäre denn verwirklicht, wenn Zivilbehinderte und Kriegsversehrte sowie Frauen, Kinder und geistig Behinderte, die lange Zeit vom Behindertensport ausgeklammert waren, unter "gleichen" Rechten und "normalen" Bedingungen "inklusiv" mit den NormalsportlerInnen ihre Wettkämpfe in den Arenen bestreiten könnten? Wäre dann die "reine Nutzenorientierung" oder "Zweckdienlichkeit", die Sebastian Schlund als ein Ergebnis seiner Untersuchungen für die kriegsversehrten Männer reklamiert, die durch den Behindertensport körperlich wieder fit für die Erwerbsarbeit gemacht werden sollten, aufgehoben? Gäbe es dann weniger Verdrängungswettbewerb und Leistungshierarchien unter den zur ständigen Überbietung verdammten Sporthelden? Mitnichten. Der von fremdnützigen Zwecken und Zielen vollkommen überlagerte Leistungs- und Spitzensport würde mit Hilfe moderner Digitalmedien und Eventtechniken (siehe London) nur eine neue Stufe kollektiver Ausblendung erreichen. Zumal, wie etwa der Professor für Erziehungswissenschaft und Sportdidaktik an der Universität Hamburg, Willibald Weichert, schon vor Jahren kritisierte, die "leistungsfähige Elite" bei den Paralympics nur eine winzig kleine Gruppe innerhalb der großen Schar deutscher Behinderter darstelle, die "absolut nicht repräsentativ für die Mehrheit der Jüngeren, zumeist Mehrfachbehinderten" sei. [9]

Die Strohfeuer öffentlicher Empörung über IOC-Topsponsoren wie ATOS oder Dow Chemical, Hersteller von Napalm und Hauptlieferant des von der US-Armee in Vietnam gegen die Bevölkerung eingesetzten chemischen Kampfstoffes Agent Orange/Dioxin, sind längst wieder erloschen. Auch Rio de Janeiro, wo die Olympia- und Paralympic-Industrie soziale Wüsten für die Ärmsten und volle Taschen bei den wenigen Profiteuren hinterlassen hat, ist längst abgehakt. Während die Channel-4-Kampagne unter dem Motto "We're The Superhumans" fortgeführt wurde, alle Social Media-Kanäle bespielte und Spitzenquoten erzielte, sind die behinderten Menschen in Großbritannien unverändert massiven Sozialkürzungen und verschärftem "Yes, I can"-Arbeitsdruck ausgesetzt. Im November 2016 kam ein UN-Bericht zu dem Ergebnis, daß die britischen Wohlfahrtsreformen "gravierende und systematische Verletzungen von Behindertenrechten" darstellten. [10]

Auch in Deutschland, wo mehr als zehn Millionen behinderte Menschen (7,5 Mio. schwerstbehindert) leben, hat sich die Lage zusehends verschlechtert. Immer mehr Erwerbsgeminderte, chronisch Kranke und Behinderte rutschen in die Sozialhilfe ab. Gleichzeitig häufen sich die Meldungen über Schikanierungen durch Jobcenter. "Übereinstimmend berichten Kolleginnen und Kollegen aus der Anwendungspraxis, dass psychisch erkrankte Menschen, Schwerbehinderte, insbesondere Analphabeten, Alkoholkranke und 'renitente Jugendliche' besonders häufig sanktioniert werden", heißt es im Praxisbericht der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht im Deutschen Anwaltverein. [11] Auch um die Umsetzung der Rechte von Behinderten ist es längst nicht so bestellt, wie offizielle Regierungsberichte glauben machen wollen. "Deutschland, Liechtenstein, Österreich und die Schweiz haben fast ohne Beteiligung behinderter Menschen und ihrer Verbände eine deutsche Version der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen abgestimmt. Alle Bemühungen von Seiten der Behindertenorganisationen in den vier beteiligten Staaten, wenigstens die gröbsten Fehler zu korrigieren, sind gescheitert", konstatierte das Netzwerk Artikel 3 e.V. und veröffentlichte einen Schattenentwurf, um auf die unterschlagenen Mißstände aufmerksam zu machen. [12]

Als einer der wenigen, die sich aus linker Perspektive mit Behindertenpolitik und "Disability Studies" auseinandersetzen, hat der Psychologe und Philosoph Dr. Michael Zander darauf hingewiesen, daß Experten die Rückkehr zu einem auf medizinische Aspekte reduzierten Verständnis von Behinderung beobachten. Soziale Modelle, die stärker gesellschaftliche Dimensionen berücksichtigen, seien demgegenüber in der Defensive, schreibt Zander in einem lesenswerten Beitrag [13]. "Verändert haben sich auch die Einstellungen in der Bevölkerung: Wie Untersuchungen aus dem Vereinigten Königreich und Irland zeigen, überschätzten Befragte das Ausmaß von 'Sozialbetrug' durch Behinderte und führten zur Begründung ihrer Mutmaßungen Mediendarstellungen an", so Zander bezugnehmend auf die brutalen "Fit-to-work tests", gegen die Sozial- und Behinderteninitiativen nach wie vor ankämpfen, während die Medien Stimmung gegen "Sport-" oder "Sozialbetrüger" machen und die "Höchstleistungen" der Para-Athletinnen und -Athleten feiern.

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Fußnoten:



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